Ein Mann im Kinderwunschzentrum

Für viele Männer ist der Gang zum Arzt wegen einer Grippe schon ein Problem. Aber wer über seine Libido, Sexpraktiken und Spermienqualität beim Medizinmann vorspricht, erreicht im wahrsten Sinne des Wortes "the next level".


Die folgenden Gedanken sind für ein besseres Verständnis in der "Ich-Form" geschrieben.



What a man …


Schon die Anmeldung ist komisch. Deshalb lasse ich das von meiner Frau erledigen. Da ich nur widerwillig zu irgendeinem Arzt gehe, fühlt sich der Gang zum KiWu-Zentrum (= Kinderwunschzentrum) an, als hätte man mich gegen meinen Willen hierher geschleift. In meinem tiefsten Inneren weiß ich natürlich, das ich es selber auch wollte. Aber dieses Unmutsgefühl geht nicht weg. Es ist noch gar nichts passiert, aber ich fühle mich bedroht. In ein paar Minuten soll ich einem anderen Mann in meine intimsten Angelegenheiten Einsicht gewähren.


Nachdem meine Frau uns angemeldet hat, werden wir in das Wartezimmer geschickt. Die geräumige Spielecke fällt mir sofort auf. Bauklötzchen, Puzzles und Kinderbücher ... alles da. An der Wand hängen zwei riesige Bilderrahmen mit gefühlten tausend Babys. Jedes einzelne scheint mich zu beobachten. Es fühlt sich an, als schreien sie mich an. Sie rufen zusammen "Sieh her, was Du nie haben wirst". Ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken. Gedanklich antworte ich "Fresse halten! Immerhin bin ich hier!". Zu diesem Zeitpunkt verlässt mich kurz mein männlicher Mut und ich ziehe leicht genervt die Augenbrauen hoch, als ich zum Tisch blicke, der mitten im Raum steht.


Der Tisch ist voll mit Elternzeitschriften. Alle halten die gleiche Botschaft für mich bereit: "Zeitschriften wie uns brauchst Du eh nicht." Ich setze mich hin und nehme trotzdem eine Zeitschrift. Es ist ein bekanntes Elternmagazin. Die Titelstory macht sich Gedanken um das zweite Kind. "Wir wären heute mit dem ersten Kind schon zufrieden" denke ich.


Im Kopf rechnete ich mir aus, in welchem Verhältnis die Behandlungskosten zum möglichen Erfolg zueinander stehen. Da die meisten Kosten von den Krankenkassen nicht übernommen werden, hatten wir schon 6.800,-€ - also fast sieben tausend Euro - mehr oder weniger verschwendet. Damit hätte man auch andere Sachen finanzieren können. Ein Luxussofa. Einen High-End-Computer. Drei Wochen Urlaub im 4-Sterne Hotel. Alternativ hätten wir die Kohlen auch versaufen oder gleich verbrennen können. Das Ergebnis wäre das gleiche gewesen.


"Wenigstens zahlen wir dieses Jahr keine Steuern." Ich hatte mich vor diesem finanzielle Fiasko über mögliche Auswege informiert. Und der beste Weg war jener, die Kosten als "Gesundheitskosten" steuerlich geltend zu machen. Natürlich kriegen wir nicht alles zurück, aber durchaus den größeren Teil. Ich rechne mit etwa 4.000€. Möglicherweise auch mehr. Aus dieser Perspektive ist der finanzielle Ruin nur von kurzer Dauer.


Schließlich werden wir endlich aufgerufen. Ich merke wie meine Beine plötzlich schwer wie Blei werden. Und mein sonst zügiger Schritt verändert sich zu Tripplschrittchen. Ich lasse meine Frau da gern den Vortritt. Denn so lange sie die Zügel in der Hand hat, brauche ich mir erstmal keine Gedanken zu machen.


Dann sitzen wir schließlich im Arztzimmer. Wir reden über all diese Sachen, über die ich nicht so gerne spreche. Wann und wie gut war mein letztes Spermiogramm? Wie oft habe ich Sex mit meiner Frau? Lagen oder liegen Krankheiten vor? Gab es Operationen? Und lauter so Zeug fragt er mich. Wobei "Fragen" …. von wegen! Es ist wohl eher ein "Löcher in den Bauch fragen". Sympathisch war der Arzt erst, als er neben der Fachlichkeit schließlich seine menschliche Seite zeigte.


In den ersten Minuten sind die Fragen unangenehm. Und ich gebe zu, es ist gar nicht so einfach mit angemessenen Worten und Begriffen zu antworten. Aber ein guter Arzt macht es einem einfachen Mann wie mir schließlich leichter, als er meint, ich solle mich nicht verbiegen und so reden, wie mein Schnabel gewachsen ist. Das machte die Sache leichter.



Fazit zum Kinderwunschzentrum


Am Ende des Besuchs muss ich aber sagen, das meine schlimmsten Befürchtungen sich nicht bewahrheitet hatten. Und von Termin zu Termin wurde es für mich auch leichter.


Und man glaubt ja gar nicht, was bei der Kindeszeugung alles schief gehen kann. Ein Hormon zu hoch oder zu niedrig, und es klappt nicht. Im Verlauf der Wochen eignet sich man viel - auch unnützes - Wissen an.


Und wegen dem Geld? Nun, wenn man der Natur auf die Sprünge helfen muss, dann scheiß auf die Kohle. Und das meiste kriegen wir nächstes Jahr eh über die Steuer zurück.


Das wichtigste für mich war aber, dass mir aufgezeigt wurde, dass es trotz der vielen Zeit die inzwischen verstrichen war, und der vielen erfolglosen Versuche es durchaus Chancen gibt, um unseren gemeinsamen Kinderwunsch Realität werden zu lassen.


Es war schon eine harte Zeit. Und man musste mich immer wieder aufbauen und motivieren. Es ist auch oft schwer gewesen, sich die offensichtliche Enttäuschung nicht anmerken zu lassen, wenn es mal wieder nicht geklappt hat. Ganz schlimm war es, wenn man die Resignation nach außen ließ und die Sache für "erledigt" erklärte.


Der unerfüllte Kinderwunsch ist kein Zuckerschlecken. Es kostet neben Geld auch Mut, Kraft, viel Geduld und sehr viel Verständnis (auch für sich selbst). Aber es kann sich lohnen.



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